Ist ein gebrochener Finger wirklich Grund genug einen Rettungswagen zu rufen bzw. einen Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn zum Patienten zu schicken (”Wink mit dem Zaunpfahl” an die Leitstellen)?
Die letzten vier Nächte litt ich unter “akuter Schlaflosigkeit”*.
Das hat keinen internistischen, psychischen oder gar psychiatrischen Hintergrund. Das ich Nachts nicht schlafen konnte lag einzig und allein an meinem Beruf.
Da ich meinen Beruf trotz akuter Unterbezahlung sehr mag, machen mir nächtliche Einsätze eigentlich nichts aus, es sei denn…
…angebliche “Patienten” entpuppen sich als gesunde aber besonders gesprächsbedürftige ältere Damen, welche ihre vor kurzem weggezogenen Nachbarn vermissen (ich kann diese nun gut verstehen)...
…Patienten wollen einzig und allein dem ärztlichen Personal ihr akut aufgetretenes nächtliches Leiden schildern und verraten erzählen dem rettungsdientlichen Personal, welches in den meisten Fällen schneller vor Ort ist, partout nichts vom thorakalen Schmerzen etc. bis der Notarzt schliesslich eintrifft…
…der Rettungswagen wird mal wieder als “Blaulicht-Taxi” missbraucht (besonders nach reichlichem Alkoholgenuss)...
…der Rettungsdienst wird mit dem kassenärztlichem Notdienst verwechselt - “Wie? Sie können mir jetzt KEINE Salbe geben und ich muss mit ins Krankenhaus?!”…
…der Fuß schmerzt nachts um vier besonders stark, nachdem er vor ca. zwei Wochen umgeknickt ist - “wochentags kann man ja eh nicht in die Klinik, man muss ja schliesslich arbeiten gehen und ausserdem ist das Auto kaputt, es läuft gerade nichts im Fernsehen und der Hausarzt ist ja auch verreist”…
…mit dem Rettungswagen kommt man in der örtlichen Notaufnahme schneller an die Reihe, somit kann man sich das Warten beim Hausarzt sparen und sich einem nächtlichem Komplettcheck unterziehen - “ich hab’ da im Fernsehen mal gesehen, was die Symptome eines Schlaganfalls sind und denke, ich habe gerade einen“…
Natürlich ist die überwiegende Anzahl der Rettungseinsätze gerechtfertigt, dennoch habe ich persönlich in letzter Zeit immer mehr das unheimliche Gefühl, dass der Notruf 112 zu einer “Taxizentrale” verkommt (siehe hier, hier und hier). Besonders mit der flächendeckenden Mobilfunktechnologie und den immer jünger werdenden der zunehmenden Anzahl von HandynutzerInnen ist die Schwelle gesunken, einen Rettungswagen zu “bestellen”.
Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Es ist sehr wichtig und gut, dass viele Menschen schnell und vor allem richtig einen Notruf absetzen. Dennoch frage ich mich, ob sich nicht viele Anrufer mit einem “einfachen” Notruf aus der Verantwortung stehlen…
Notruf - ok, aber bitte auch wissen, was eigentlich los ist!
“Da blutet einer” vs. “Ein Mann hat sich in den Unterarm geschnitten und blutet stark!”
“Da ist ein Unfall passiert!” vs. “Ein Motorradfahrer ist von der Strasse abgekommen und liegt regungslos auf dem Feld!”
“Da ist ein Unfall passiert!” vs. “Zwei Autos sind gegeneinander gefahren, es gibt mehrere Verletzte, einige kommen nicht mehr aus dem Auto raus!”
“Wir brauchen hier sofort einen Arzt!” vs. “Oma bekommt keine Luft mehr, ist schon ganz blau im Gesicht, wir brauchen schnell einen Arzt!”
“Wir brauchen hier sofort einen Arzt!” vs. “Meine fünfjährige Tochter hat hohes Fieber, zittert am gesamten Körper, wird blau und ist nicht ansprechbar..!”
…man erkennt schnell, dass Jede/r wichtige Informationen auch ohne weitere “Fachkenntnisse” weitergeben kann. Zudem fragt der Leitstellenmitarbeiter (bei dem man unter 112 anruft) alles Wesentliche ab, deshalb ist es enorm wichtig NICHT aufzulegen, sondern dies erst nach ausdrücklicher Aufforderung durch den Disponenten zu tun (mehr Infos hier).
* PS: “Schlaflosigkeit” bitte ich als Ironie zu verstehen - Wärend des Nachtdienstes ist es uns natürlich nur gestattet zwischen den Einsätzen zu “ruhen”. Da zwischen den Einsätzen allerdings viel zu erledigen ist, wie z.B. Aufrüsten und Reinigen (evtl. Desinfizieren) des Rettungsfahrzeuges, Protokollierung der Einsätze, Eingabe des Transportberichtes, etc…, gehen 12 Stunden Nachtdienst (zumindest in meinem Wachbereich) relativ schnell vorbei…